Ihre Browserversion ist veraltet. Wir empfehlen, Ihren Browser auf die neueste Version zu aktualisieren.

Leseprobe aus: Gregor Bauer – Von Homer zu Jesus. Sinnangebote der klassischen und biblischen Antike. Berlin und München 2018
(unveränderte Neuauflage von „Der Weise und sein Schatten“, Berlin und München 2014)

Teil 1/3     

 

Aristoteles:
Ein großer Mensch
aber nur für Seinesgleichen

 

  • Aristoteles (384 – 322) gilt vielen als der größte Philosoph der Antike, noch vor seinem Lehrer Platon. Überragend war er auch als Logiker, Physiker, Biologe, Ethiker, Wissenschafts-, Staats- und Dichtungstheoretiker.

 

Dass die Realität nicht perfekt ist – darin waren sich Platon und Aristoteles einig. Aber in das Exil einer Welt der reinen Ideen folgte Aristoteles seinem großen Lehrer nicht. Für den wichtigsten Pionier des abstrakt logischen Denkens ereignet sich der Sinn des Lebens da, wo es konkret wird. Was nicht bedeuten muss: wo es human wird.

 

  • Langweilige Bücher sind nicht lesenswert. (Prämisse  1)
  • Die Bücher von Aristoteles sind langweilig. (Prämisse  2)
  • Also sind die Bücher von Aristoteles nicht lesenswert. (Konklusion)

 

Aristoteles hätte diese Schlussfigur sicherlich gelten lassen: Die Konklusion ergibt sich folgerichtig aus den Prämissen 1 und 2. Aber stimmen die Prämissen?

 

Dass die Bücher von Aristoteles langweilig sind, trifft zu. Aristoteles ödet uns an mit banalen Aussagen, die sich von selbst verstehen. „Ein Tier“, belehrt uns der Philosoph beispielsweise, „das im Wasser lebt, ist ein Lebewesen, aber ein Lebewesen ist nicht notwendig ein Tier, das im Wasser lebt.“ Aha. Oder: „Bei Behauptung und Verneinung muss immer das eine von beiden wahr sein, das andere falsch.“ Sprich: Eine Behauptung stimmt, oder sie stimmt nicht. Warum drückt der Mann sich nicht einfacher aus – und warum behelligt er uns überhaupt mit solchen Selbstverständlichkeiten?

Nun müssen wir fairerweise zugeben: Die Bücher des Aristoteles, die auf uns gekommen sind, wollte der Meister selbst uns gar nicht zumuten. Zwar hat Aristoteles auch Bücher geschrieben, die für uns bestimmt waren, für ein Laienpublikum also. Doch diese Bücher sind alle verloren.

Von Aristoteles sind – außer vereinzelten Fragmenten – nur Schriften überliefert, die er für seine Studenten geschrieben hatte. Fachliteratur also. Oft wissen wir nicht einmal, ob Aristoteles diese Literatur selbst verfasst hat oder ob es sich um Vorlesungsmitschriften seiner Studenten handelt. Jedenfalls hatte der Autor keine Chance, seine eigenen Texte vor der Veröffentlichung noch einmal abschließend zu prüfen. Oft konnte er sie auch nicht mehr selbst zu Büchern zusammenstellen. Das hat dann erst viel später, im ersten Jahrhundert vor Christus, ein Herausgeber namens Andronikos getan. Gut möglich, dass er bei der Gelegenheit die Texte hier und da verschlimmbessert hat.

Wir haben es also mit Fachliteratur zu tun. Die aber – da sind wir bei Prämisse 1 – darf langweilig sein.

Lohnt es sich, die Mühe auf sich zu nehmen? Ist Aristoteles lesenswert?

Es gibt keine dummen Fragen. Gäbe es sie aber doch, dann hätten wir eben eine gestellt. Wenn Aristoteles nicht lesenswert ist, dann ist die abendländische Geistesgeschichte Kokolores. Im Mittelalter galt Aristoteles – nicht etwa Sokrates oder Platon – als der Philosoph schlechthin. Auch heute gilt er keineswegs als überholt. Der postmoderne Philosoph Wolfgang Welsch hat seinen Studenten eingeschärft: Niemand kann als Philosoph gelten, der sich nicht ernsthaft mit Aristoteles auseinandergesetzt hat (Welsch  1996/97).

Was macht den Aristoteles zum Lackmustester für jeden Philosophen? Dass er sich mit den unterschiedlichsten Wissensgebieten beschäftigt hat, ist es nicht. Entscheidend ist etwas anderes: Die Art, wie Aristoteles danach fragt, wie alles Wissen zusammenhängt und wo es seine gemeinsame Wurzel hat.

Können wir Menschen überhaupt irgendetwas wissen? Und wenn ja: Wie können wir die Wahrheit von der Täuschung unterscheiden? Diese Fragen stellt Aristoteles radikaler, besonnener, gründlicher und systematischer als jeder Philosoph vor ihm.

Die Gedanken, die Aristoteles sich dazu gemacht hat, sind so großartig, dass wir sie uns wenigstens einmal im Leben durch den Kopf gehen lassen sollten. Allerdings wird unser Kopf bei der Gelegenheit etwas mehr rauchen müssen als beim Schäfchen zählen. Das gilt auch für die folgende – äußerst kurz gefasste – Darstellung. Zwar ist sie ganz auf Einfachkeit und Verständlichkeit getrimmt. Dennoch ist sie der anstrengendste Teil dieses Buchs. Wer sich die Mühe sparen will, mag die folgenden Seiten überblättern und erst bei der Überschrift „Glück ist zerbrechlich“ wieder einsteigen. Alle anderen rechnen nun bitte mit einem harten Stück Arbeit. Wer schwierige Gedankengänge leichter mit Stift und Notizblock nachvollziehen kann, der – oder die – sollte sich jetzt mit diesen Schreibutensilien ausrüsten.

 

Ein Rülpser ist weder wahr noch falsch

Aristoteles fragt also (Int.  5–9): Wie können wir die Wahrheit von der Täuschung unterscheiden? Um diese Frage zu beantworten, untersuchen wir zunächst stocknüchtern: Wann macht es überhaupt Sinn zu sagen, etwas sei wahr oder falsch?

Kann das Zischen eines Teekessels wahr oder falsch sein? Nein. Das Brüllen eines Löwen? Auch nicht. Ein isolierter Begriff, zum Beispiel „Sokrates“? Nein. Auch nicht ein Ausruf wie „Halt!“, eine Frage wie „Spinnst du?“ oder eine Bitte.

Klappern, röhren, wiehern, rülpsen, schnarchen, fragen, bitten: All das sind Geräusche, die weder wahr noch falsch sein können. Wahr oder falsch kann immer nur ein Aussagesatz sein. Beispiel: „Bier schmeckt.“ Das könnte wahr sein oder auch nicht.

Schauen wir uns unseren Aussagesatz näher an: „Bier schmeckt.“ Was macht ihn zum Aussagesatz? Dass etwas („schmeckt“) über etwas anderes („Bier“) ausgesagt wird.

„Bier“ ist natürlich nur ein Beispiel, es könnte stattdessen auch über Peter etwas ausgesagt werden, über Lippenstifte, Rentiere, den Himmel – über alles Mögliche eben.

Kurzer Zwischenruf: über alles Mögliche? Lässt sich das näher bestimmen? Aristoteles versucht es und gelangt immerhin zu der folgenden Unterscheidung: Alles, worüber etwas ausgesagt wird, muss entweder etwas Allgemeines sein („Säugetiere“, „Liebe“) oder etwas Konkretes („diese Katze da“, „Peter“). Das klingt banal, aber so ist das eben, wenn man die Grundlagen aller Erkenntnis untersuchen will: Man muss sich mit Banalitäten beschäftigen.

Das, worüber etwas ausgesagt wird („Bier“), heißt „Substanz“ (griechisch ousia). Jetzt brauchen wir noch das, was ausgesagt wird („schmeckt“): das „Akzidens“.

Lässt sich genauer sagen, was Akzidens sein kann und was nicht? An dieser Frage muss Aristoteles lange herumgeknobelt haben. Welche Überlegungen er dabei angestellt hat, verrät er nicht. Doch immerhin sagt er uns, zu welchem Ergebnis er gekommen ist, und dieses Ergebnis können wir überprüfen.

Aristoteles behauptet also (Cat.): Alles, was über irgendetwas ausgesagt werden kann, jedes „Akzidens“ also („schmeckt“), fällt in eine von neun Kategorien. Sollte jemand ein „Akzidens“ finden, das nicht in eine dieser neun Kategorien fällt, wäre er zu beglückwünschen: Er – oder sie – hätte den Philosoph schlechthin widerlegt.

 

Hier sind die neun Kategorien für alle Akzidentien, also für alles, was über irgendetwas ausgesagt werden kann:

  • Quantität: Etwas oder jemand ist so und so lang, groß, dick, dünn, breit …
  • Qualität: Etwas oder jemand ist weiß, schlau, wohlschmeckend …
  • Relation: Etwas oder jemand ist größer, kleiner, dicker … als etwas oder jemand.
  • Ort: Etwas oder jemand ist da und da.
  • Zeit: Etwas oder jemand passiert dann und dann.
  • Lage: Etwas oder jemand sitzt, liegt, steht, ist gekrümmt …
  • „Besitz“ (nicht wörtlich zu verstehen): Etwas oder jemand hat Schuhe an, ist bekleidet …
  • Tun: Etwas oder jemand schneidet, zündet an …
  • „Leiden“ (nicht wörtlich zu verstehen): Etwas oder jemand wird geschnitten, angezündet …

Zusammen mit der Substanz („Bier“), der ersten Kategorie, sind dies die zehn Kategorien des Aristoteles.

 

Jeder einfache Aussagesatz besteht aus der ersten Kategorie – der Substanz – und einer der neun anderen Kategorien – dem Akzidens.

„Bier schmeckt“: Haben wir in diesem Aussagesatz Substanz und Akzidens korrekt kombiniert? Ist klar, worauf sich diese Kombination bezieht, also zum Beispiel auf „Bier generell“, auf „manche Biere“, auf „dieses da“ oder auf „keins“? Wenn ja, haben wir die Grundform aller Aussagen, die überhaupt wahr oder falsch sein können:

Geltungsbereich (generell)

+ Substanz (Bier)

+ Akzidens (schmeckt)

Was haben wir bisher gelernt? Welche Art von Sätzen wahr oder falsch sein kann. Aber die entscheidende Frage ist noch unbeantwortet: Wie sollen wir feststellen, ob ein Satz auch tatsächlich wahr oder falsch ist?

 

Denken ist gut, reicht aber nicht

Nun, dafür reichen Verstand und Sprache nicht aus. Dafür müssen wir uns auf das konzentrieren, womit sich Verstand und Sprache beschäftigen. Und das sind zunächst einmal die sinnlich wahrnehmbaren Dinge.

„Ich glaube nur, was ich sehe“ – oder höre, rieche, taste, schmecke: Diesem Satz würde Aristoteles wohl zustimmen. Die sinnlich erfahrbaren Dinge sind für ihn der Anfang und die Voraussetzung aller Erkenntnis. „Dem bloßen Denken zu vertrauen, ist unsinnig“, sagt er (Phys.  3,8,3): Nur weil wir etwas denken können, ist es noch lange nicht.

Aber Moment mal: Wenn wir etwas sehen, hören, riechen, tasten oder schmecken: Heißt das denn, dass wir es auch verstehen? Nein, sagt Aristoteles. Wenn ich einen Baum nur sehe, dann weiß ich noch nicht einmal, dass es ein Baum ist. Dazu reichen die Sinne nicht aus, dazu braucht es Verstand.

Nur mit dem Verstand kann ich erfassen, wo der Baum anfängt und aufhört, kann ich den Baum vergleichen mit anderen Bäumen, kann ich mich erinnern, dass er gestern auch schon da war, kann ich mir seine Wurzel dazudenken.

Die Sinne liefern uns das Material, aber es ist der Verstand, mit dem wir dieses Material auswerten, ordnen und in überschaubare Einheiten verpacken. Über diese Einheiten können wir dann unsere Feststellungen machen, sprich: Aussagesätze bilden. Ob die wahr sind, können wir dann wiederum mit unseren Sinnen überprüfen: „Der Schnee im Pindosgebirge ist weiß“ – wenn ich wissen will, ob dieser Satz stimmt, muss ich nicht seine Grammatik analysieren, sondern ich muss ins Pindosgebirge gehen und die Augen aufmachen (vgl.  Top.  105a).

So funktioniert das mit allen einfachen Aussagesätzen. – Mit allen? Nehmen wir den Satz: „Morgen findet eine Seeschlacht statt.“ Das ist ein Satz, mit dem man Philosophen aus der Fassung bringen kann: „Morgen“, grübeln sie, „findet eine Seeschlacht entweder statt oder nicht statt. Diese Aussage stimmt. Dabei besteht sie doch aus zwei Einzelaussagen, die beide unsicher sind. Wie kann das sein?“

Über dieses „Seeschlacht-Problem“ haben sich Generationen von Philosophen den Kopf zerbrochen. Aristoteles hat es aufgeworfen, aber selbst kaum eine Seite dazu geschrieben (Int.  9). Das Problem stellt sich eben nur bei Aussagen über die Zukunft, Aristoteles hat sich aber mit Aussagen in Gegenwartsform beschäftigt. Die haben den Vorteil, dass man sie mit den Sinnen überprüfen kann.

So, kann man das? Was ist dann mit dem Satz: „Alle Menschen sind sterblich“? Ob das wahr ist oder falsch, kann man nicht sehen: Bei allgemeinen Aussagen ohne Zeitbezug gibt es keine Überprüfung durch die Sinne.

Hier tut sich also eine neue Baustelle auf: Wie können wir herausfinden, ob eine allgemeine Aussage vom Typ „Alle Menschen sind sterblich“ wahr ist oder falsch?

Doch betreten wir diese Baustelle zunächst noch nicht. Denn wir kommen auf ihr besser voran, wenn wir zuvor in eine andere Richtung weiterdenken (An.  pr.).

 

Wann ist eine Schlussfolgerung korrekt?

Stellen wir uns vor, wir haben einige Aussagen, von denen wir wissen, dass sie wahr sind. Dann müsste es doch möglich sein, zwei dieser Aussagen so zu kombinieren, dass sich daraus eine neue Aussage ergibt, die ebenfalls wahr ist. Falls wir das schaffen, können wir uns auf die Schulter klopfen. Denn dann haben wir einen echten Erkenntnisgewinn erzielt.

Funktioniert das – und wenn ja, nach welchen Regeln? Um das herauszufinden, hat Aristoteles alle möglichen und unmöglichen Sätze kombiniert – immer mit der Frage im Hinterkopf: Ergibt sich aus dieser Kombination zwingend eine neue Erkenntnis oder nicht?

Probieren wir es aus. Kombinieren wir:

  • Alle Menschen sind sterblich. (Prämisse  1)
  • Alle Vögel haben Flügel. (Prämisse  2)

Was können wir daraus schließen? Nichts.

Zweiter Versuch. Kombinieren wir:

  • Alle Menschen sind sterblich. (Prämisse  1)
  • Sokrates ist ein Mensch. (Prämisse  2)

Wir merken schon: Dieses Beispiel ist anders. Da geht was. Hier können wir etwas Neues sicher ableiten:

  • Also ist Sokrates sterblich. (Konklusion)

Warum funktioniert das diesmal, davor aber nicht? Weil nur diesmal die Bedingungen gegeben sind, die jede Schlussfolgerung braucht:

  1. Prämisse 1 hat eine allgemeine Bedeutung („Alle Menschen ...“).
  2. Prämisse 2 hat eine konkrete Bedeutung („Sokrates ...“).
  3. Mindestens eine der beiden Prämissen hat eine positive Bedeutung. Hier ein Gegenbeispiel mit zwei negativen Bedeutungen: „Kein Pferd kann denken. Sokrates ist kein Pferd. Also …“ – das würde nicht funktionieren.
  4. Es gibt einen Begriff, der in beiden Prämissen vorkommt, in unserem Beispiel „Mensch“: der „Mittelbegriff“.
  5. Der Mittelbegriff ist in Prämisse 1 der konkretere Begriff: „Mensch“ ist konkreter als „sterblich“, denn sterblich sind auch andere Lebewesen.
  6. Derselbe Mittelbegriff ist in Prämisse 2 der allgemeinere Begriff: „Mensch“ ist allgemeiner als „Sokrates“, denn es gibt außer Sokrates auch noch andere Menschen.

Weil diese Bedingungen in jeder Schlussfolgerung gegeben sein müssen, gibt es im Grunde nur zwei Grundfiguren der Schlussfolgerung, die funktionieren: eine ohne negative Aussage – unser Beispiel von gerade eben – und eine mit einer negativen Aussage:

  • Kein Mensch hat Kiemen. (Prämisse 1)
  • Sokrates ist ein Mensch. (Prämisse 2)
  • Also hat Sokrates keine Kiemen. (Konklusion)

Alle anderen Figuren der Logik – und Aristoteles hat viele davon entdeckt und in ein System gebracht – lassen sich auf diese beiden Grundfiguren zurückführen.

Die Logik des Aristoteles ist im Grunde heute noch gültig. Spätere Logiker haben sie didaktisch ansprechender aufbereitet als Aristoteles selbst. Sie haben sie ergänzt und weiterentwickelt. Aber überholt sein wird die Logik des Aristoteles nie, so wenig wie ein gültiges mathematisches Gesetz jemals überholt sein wird. Denn was Aristoteles da entdeckt hat, ist nicht seine eigene Logik, sondern die Logik des menschlichen Denkens überhaupt. Deshalb ist sein logisches System bei aller Komplexität so klar, stringent und einfach, dass es sich auf die beiden Grundfiguren zurückführen lässt, die wir eben vorgestellt haben.

Jetzt können wir zurück auf unsere offene Baustelle: zu den allgemeinen Sätzen vom Typ „Alle Menschen sind sterblich“. Wie können wir bei solchen Sätzen feststellen, ob sie tatsächlich wahr sind?

 

Ein Pferd ist nicht gleichzeitig ein Tier und kein Tier

Mit logischen Schlussfolgerungen können wir hier nichts ausrichten. Denn wir haben gesehen: Ein logischer Schluss führt immer vom Allgemeinen („Alle Menschen sind sterblich“) zum Konkreten („Also ist Sokrates sterblich“). Deshalb schlägt Aristoteles vor: Drehen wir unser Schlussverfahren doch einfach um. Lasst uns von konkreten Aussagen ausgehen. Und lasst uns dann untersuchen, ob diese konkreten Aussagen in allgemeinere Aussagen eingebettet sind („Induktion“).

Das funktioniert so: „Sokrates ist sterblich.“ Warum ist das wahr? Weil Sokrates ein Mensch ist und alle Menschen sterblich sind. Warum sind alle Menschen sterblich? Weil Menschen Säugetiere sind und alle Säugetiere sterblich sind. Warum sind alle Säugetiere sterblich? Weil alle Säugetiere ...

Und so weiter. Leider hat diese Methode einen Haken: Die allgemeinere Aussage ist nicht unbedingt sicherer als die konkrete. Zum Beispiel könnte jemand sicher sein, dass alle Tiere sterblich sind, aber nicht unbedingt alle Lebewesen – schließlich gehören zu den Lebewesen auch die unsterblichen Engel.

Da beißt die Maus keinen Faden ab: Etwas Allgemeines aus etwas Konkretem zu beweisen, funktioniert nicht. Und die Welt der sinnlichen Dinge ist nun einmal konkret. Also können wir aus ihr allein beispielsweise keine allgemeingültigen Naturgesetze sicher ableiten. Etwas muss hinzukommen, damit auch allgemeine Aussagen sicher wahr oder falsch sein können.

Gibt es dieses Etwas? Sind sichere Aussagen allgemeiner Art möglich?

Mit dieser Frage im Hinterkopf durchforstet Aristoteles alle Wissensbereiche seiner Zeit. Dabei stellt er fest: Jede Wissenschaft geht aus von allgemeinen Sätzen, die sich nicht beweisen lassen, die aber trotzdem als sicher anerkannt sind.

Beispiele gefällig? Bitte sehr: Die Arithmetik geht davon aus, dass es Zahlen gibt. Die Geometrie geht davon aus, dass es Punkte, Linien und Flächen gibt. Die Biologie geht davon aus, dass es Lebewesen gibt.

Solche „Axiome“ werden nicht bewiesen. Sie werden einfach vorausgesetzt.

Ist es in Ordnung, mit Axiomen zu arbeiten, also Sätze vorauszusetzen, ohne sie zu beweisen? Ja, findet Aristoteles (Met.  1006a5). Es geht nicht anders. Jede Beweiskette führt, wenn man sie nur lange genug zurückverfolgt, irgendwann an einen Punkt, der nicht mehr bewiesen werden muss. Wenn das nicht so wäre, würde jeder Beweis in der Luft hängen.

Es ist also in Ordnung, Axiome zu verwenden. Nur müssen wir streng unterscheiden zwischen wissenschaftlichen und unwissenschaftlichen Axiomen. Denn sicheres Wissen lässt sich nur gewinnen, wo wissenschaftliche Axiome zugrunde liegen.

Wann ist ein Axiom wissenschaftlich? Wenn es sich von selbst versteht. Beispiel: Ein Dreieck hat drei Ecken. Nur wenn wir von solchen Axiomen ausgehen, betreiben wir Wissenschaft.

Bei der Gelegenheit lässt sich auch gut erklären, warum für Aristoteles die Philosophie die höchste Wissenschaft ist: Weil sie von Axiomen ausgeht, die nicht nur für eine Wissenschaft gelten, sondern für alle.

Das wichtigste dieser Axiome ist der Satz vom Widerspruch (Met.  1005b). Er ist der Punkt, an dem alle Fäden zusammenlaufen, das Axiom, das hinter allen anderen Axiomen steht. Einfach ausgedrückt, lautet er: „Es kann nicht etwas gleichzeitig wahr und falsch sein.“ Beispiel: Ein Pferd ist nicht gleichzeitig ein Tier und kein Tier.

Um mögliche Schlaumeier-Einwände abzuschmettern, hat Aristoteles den Satz vom Widerspruch komplizierter ausgedrückt: „Es ist ausgeschlossen, dass etwas derselben Sache gleichzeitig und in derselben Beziehung zukommt und nicht zukommt“ (Met. 1005b).

An diesem Satz zu zweifeln, ist nach Aristoteles nicht möglich. Wer dennoch Zweifel daran äußert, will sich vielleicht interessant machen, aber er meint es nicht ernst. Das beweist er jedes Mal, wenn er seine Mahlzeit isst statt sich damit einzuseifen, wenn er seinen Weinbecher an den Mund führt statt ihn zu verschütten, wenn er mit seinem Messer eine Flöte schnitzt statt es sich in den Bauch zu rammen, wenn er an einem Abgrund stehen bleibt statt hinabzuspringen, sprich: Wenn er durch sein Tun und Lassen offenbart, dass er etwas nicht gleichzeitig für richtig hält und für falsch.

So viel zu den wissenschaftlichen Axiomen. Nun arbeiten wir aber in unserem Leben ständig mit „Axiomen“, die unwissenschaftlich sind. Was Aufklärer der Religion gerne zum Vorwurf machen, praktizieren sie notgedrungen selbst: Wir alle können gar nicht anders, als uns täglich von Aussagen leiten zu lassen, die wissenschaftlich nicht fundiert sind (An.  post.  1,8).

 

Nicht alles über einen Kamm scheren

Hier sind ein paar Beispiele für Aussagen, die zwar unwissenschaftlich sind, auf die wir aber trotzdem im Alltag aufbauen – und zwar ohne uns die vergebliche Mühe zu machen, sie vorher zu beweisen:

  • Wenn ich heute aus dem Haus gehe, werde ich nicht erschossen.
  • Auf Martin kann ich mich verlassen.
  • Während unseres Urlaubs wird es am Chiemsee schon nicht durchregnen.
  • Wenn Kandidatin A zur Bürgermeisterin gewählt wird, wird sie eine bessere Politik machen als Kandidat B.

Wie steht Aristoteles zu solchen „Axiomen“ der unwissenschaftlichen Sorte? Er akzeptiert, dass es Lebensbereiche gibt, in denen wir mit ihnen arbeiten müssen. Das gilt beispielsweise für die politische Auseinandersetzung oder für Gerichtsverhandlungen: Hier kommt es nicht darauf an, dass unsere Aussagen wissenschaftlich abgesichert sind. Sondern darauf, dass sie von den Menschen akzeptiert werden, die wir beeinflussen möchten.

Aristoteles stellt deshalb fest: Es muss nicht in jeder Disziplin so sicher zugehen wie in der Mathematik. Stattdessen müssen wir für jede Disziplin herausfinden, welcher Grad an Sicherheit ihr angemessen ist. Nur diesen Grad müssen wir dann von denen fordern, die sich mit dieser Disziplin beschäftigen.

Wie grundsätzlich sich Aristoteles an dieser Stelle von seinem Lehrer Platon unterscheidet, wird am Beispiel der Ethik deutlich.

Platon sagt: Ethik ist ungeheuer wichtig. Also müssen wir in der Ethik denselben Grad an Sicherheit erreichen wie in der Mathematik, der Königsdisziplin aller Wissenschaften. Und tatsächlich traut sich Platon ganz im Ernst zu, diesen Grad an Sicherheit zu erreichen.

Aristoteles hält dagegen: Ja, Ethik ist ungeheuer wichtig. Deshalb müssen wir uns mit ihr beschäftigen, obwohl in ihr keineswegs derselbe Grad an Sicherheit erreichbar ist wie in der Mathematik (EN  2,2).

Worauf aber sollen wir uns verlassen, wenn wir uns in einer Sphäre bewegen, in der keine wissenschaftliche Sicherheit möglich ist? Aristoteles findet es in Ordnung, wenn wir uns in solchen Fällen auf „anerkannte Meinungen“ verlassen (Top.  100a). Das müssen nicht immer die Meinungen der Fachleute sein: Falls die ihre Bodenhaftung verlieren und sich zu spekulativem Unfug versteigen, fährt man möglicherweise besser, wenn man es mit der allgemeinen Volksmeinung hält (Rapp  45).

Aristoteles hat sich also keineswegs dünkelhaft von der „dummen Volksmasse“ abgewendet: Er hielt große Stücke auf öffentliche Meinungsbildung und war damit einer der Vordenker der „kollektiven Intelligenz“ (Pol.  1282a).

Dass wir immer wieder den Pfad der reinen Wissenschaft verlassen – dagegen hat Aristoteles nichts einzuwenden. Nur müssen wir uns darüber im Klaren sein, wann wir Wissenschaft betreiben und wann nicht. Die Rhetorik beispielsweise ist keine Wissenschaft. Sie ist aber auch nicht das Zerrbild, das Platon in seinem „Gorgias“ von ihr gezeichnet hatte. Sondern sie ist eine Kunst.

Alle Künste haben gemeinsam, dass sie klare Regeln brauchen. Aber es muss nicht in allen Künsten nach denselben Regeln zugehen. Vielmehr soll jede Kunst den Regeln folgen, die ihr angemessen sind. Mit dieser Haltung verschafft Aristoteles gegen Platon jeder Kunst die Luft, die sie zum Atmen braucht, und fordert doch von jeder Kunst klare Maßstäbe für Qualität.

Wie diskutiert man korrekt über Gegenstände, bei denen Wissenschaftlichkeit nicht möglich ist? Aristoteles hat dafür eine eigene Disziplin entwickelt: seine „Dialektik“. Ihre Hauptregel lautet: Ich darf zwar Aussagen verwenden, die unwissenschaftlich sind. Aber ich darf daraus keine Schlussfolgerungen ziehen, die schlampig sind (Top.  100a).

Doch nicht jede sinnvolle – obgleich unwissenschaftliche – Aussage ist Gegenstand einer dialektischen Diskussion. Wenn wir beispielsweise sagen, dass man die Götter ehren oder die Eltern lieben soll, dann diskutieren wir nicht, sondern wir stellen etwas Gültiges fest. Wer hier widerspricht, so Aristoteles, braucht keine dialektische Widerlegung, sondern eine Tracht Prügel (Top.  105a).

Wenn wir über Politik diskutieren oder vor Gericht unsere Unschuld beteuern, wenn wir prüfen, ob wir auf den Markt gehen, ein Haus kaufen oder eine Reise antreten sollen: Dann bewegen wir uns in einer Sphäre, in der zwar Regeln gelten, aber keine wissenschaftlichen. Wie sieht es aus, wenn wir uns mit Physik beschäftigen? Ist die Physik für Aristoteles eine Wissenschaft?

Für Platon war sie es nicht. Die Physik, meinte Platon, hat mit den sinnlich wahrnehmbaren, konkreten Dingen zu tun. Diese ändern sich, sind unsicher und unbeständig. Das sehen wir ihnen nicht gleich an: Unsere Sinne täuschen uns also. Deshalb ist in der Physik keine wissenschaftliche Sicherheit erreichbar, die derjenigen in der Mathematik vergleichbar wäre. Daraus zieht Platon den Schluss: Die Welt der sinnlich wahrnehmbaren Dinge ist unwichtig, nicht der Beschäftigung wert.

Platon zeigt hier also dieselbe Radikalität wie in der Ethik: Was wichtig ist, muss auch sicher sein. Nur zieht er diesmal den entgegengesetzten Schluss: Die Ethik ist wichtig, also muss sie sicher sein  – die Physik ist unsicher, also muss sie unwichtig sein.

Und wieder macht Aristoteles diese Radikalität nicht mit: Zwar stimmt er zu, dass die Welt der sinnlich wahrnehmbaren, konkreten Dinge unbeständig ist, dass sie also weniger Sicherheit bietet als die Mathematik. Aber es ist nun einmal die Welt, in der wir leben. Wenn wir gesund bleiben wollen – Aristoteles entstammte einer Arztfamilie –, wenn wir unsere Lebensgrundlagen sichern und einen guten Wein genießen wollen, dann müssen wir uns mit den konkreten Dingen beschäftigen. Außerdem sind wir einfach neugierig auf diese Sinnenwelt. Wir werden uns also mit ihr befassen, obwohl sie unbeständig ist. Und wir werden uns dabei mit dem Grad an Sicherheit begnügen, der in dieser Sphäre erreichbar ist.

Dann ist also die Physik wie die Ethik eine Disziplin, in der es zwar nach Regeln zugeht, aber nicht nach wissenschaftlichen? Das sieht Aristoteles anders: Wenn die Physik keine Wissenschaft wäre, dann gäbe es überhaupt keine Wissenschaft. Schließlich geht alle unsere Erkenntnis aus von der Welt der sinnlichen Dinge (Phys.  1,1). Das gilt wohlgemerkt auch für die mathematische Erkenntnis. Denn Mathematik ist für Aristoteles eine Abstraktionsleistung: Erst kommen die Äpfel, dann die abstrakten Zahlen. Gäbe es keine konkreten Dinge, von denen wir abstrahieren können, dann hätten wir auch keine Mathematik.

 

Was taugt die Aristotelische Physik?

Nun gut, die Physik ist also für Aristoteles eine Wissenschaft. Na und? Wozu sollten wir uns heute noch mit seiner Physik beschäftigen? Der alte Grieche hatte kein Mikroskop und keinen Computer. Er kannte nicht das Gravitationsgesetz und konnte nicht mit Bruchzahlen rechnen. Die kleinste Zahl war für ihn die Zwei – weil es bei Eins noch nichts zu zählen gibt (Phys.  4,12). Seine Vorstellungen über die Grenzen des Raums bewegten sich brav im Rahmen des physikalischen Weltbilds seiner Zeit: Erst kommt die Erde, dann die Wasser-, dann die Luft- und Leuchtsphäre, dann die Himmelssphäre, danach ist Schluss. Auch hatte Aristoteles keine Ahnung von der ungeheuren Dynamik des Kosmos: Seine Himmelskörper bewegen sich ewig immer gleich – wenn er sie nicht gar für Götter hält. Es fehlt die saubere Unterscheidung zwischen Physik und Biologie, zwischen natürlich vorgefundenen Dingen und Menschenwerk.

Wozu also sollten wir uns diesen veralteten Kram antun? Nun, vielleicht ist die Physik des Aristoteles gerade deshalb interessant, weil es zu seiner Zeit noch fast nichts gab, worauf er hätte aufbauen können. Bei ihm können wir noch beobachten, wie ein Genie die Welt sieht, das nichts hat als ungeheuer wache Sinne und einen ungeheuer regsamen Verstand. Sein Zugriff auf die Welt war noch nicht durch eine hochentwickelte Technik vermittelt oder durch bedeutende Vorleistungen anderer Denker kanalisiert.

Aristoteles hat über physikalische Grundbegriffe wie Veränderung, Ursache und Wirkung, Zufall, Zeit, Raum und Unendlichkeit viele scharfsinnige Überlegungen angestellt, von denen wir hier nur wenige mitteilen wollen.

Veränderung: Parmenides hatte bestritten, dass es Veränderung gibt. Wie kann er nur, sagt Aristoteles: Die Veränderung ist eine Tatsache der Sinnenwelt, deshalb lässt sie sich nicht durch Gedanken widerlegen. Es ist aber auch nicht alles Veränderung, wie Heraklit behauptet hatte. Denn wenn wir „Veränderung“ sagen, meinen wir immer etwas Unveränderliches mit: Peter ist immer noch Peter, wenn er sich aus einem Dreikäsehoch zu einem Zwei-Meter-Schlacks verändert hat. Und der Rhein immer noch der Rhein, wenn sein Wasserspiegel gestiegen ist.

Unendlichkeit: Unendlich ist nicht, was nichts mehr außerhalb seiner selbst hat. Sondern unendlich ist, wozu es immer noch ein „Außerhalb“ gibt (Phys.  3,6). Oder ein „Innerhalb“: Aristoteles unterscheidet scharf zwischen Unendlichkeit nach Außen (Hinzufügbarkeit) und nach Innen (Teilbarkeit). So hält er den Raum zwar für unendlich teilbar, aber nicht für unendlich ausgedehnt.

Zeit: Die Zeit hält Aristoteles für ewig. Aber was heißt das, wo es doch die Zeit eigentlich gar nicht gibt? Denn was ist Zeit? Vergangenheit, Zukunft und die Grenze zwischen beiden, die wir „Jetzt“ nennen. Die Vergangenheit gibt es nicht mehr, die Zukunft noch nicht. Wenn es beide nicht gibt, wie soll es die Grenze zwischen ihnen geben? Zumal diese sich laufend bewegt aus dem „Nicht mehr“ zum „Noch nicht“.

Ursache und Wirkung: Was meinen wir, wenn wir von Ursache und Wirkung sprechen? Vielleicht „Kausalität“, also eine physikalische Gesetzmäßigkeit. Vielleicht meinen wir aber auch das, was die Fachleute „Teleologie“ nennen: Etwas ist so und so geworden, weil es sich jemand vorgenommen hat. Diese Unterscheidung trifft auch Aristoteles. Aber er beurteilt die Teleologie, die planende Absicht also, anders als wir: Für uns hat so etwas wie Planung in der Physik nichts verloren, für Aristoteles sehr wohl. Er sieht überall, in der Physik wie im Menschenleben, vier Arten von Ursachen wirksam (Phys.  2,3). Eine Statue beispielsweise hat als Ursachen

  • das Erz, aus dem sie gemacht ist (materiale Ursache),
  • das Konzept, das sich der Bildhauer gemacht hat (formale Ursache),
  • den Mäzen, der die Statue in Auftrag gegeben hat (kausale Ursache),
  • den Zweck, für den die Statue hergestellt wird, beispielsweise als Objekt der Verehrung (teleologische Ursache).

Weiter zu Teil 2/3