Gregor Bauer, 17.03.2025
Angesichts immer neuer Extremwetter-Katastrophen wird die Dringlichkeit von entschlossenem Handeln immer offensichtlicher. Doch statt den Schutz des Klimas voranzutreiben, rudern Politik und Gesellschaft zurück. Ist alle Überzeugungsarbeit für Klimaschutz vergeblich? Oder müssen wir nur anders vorgehen?
Klimaschutz hat Feinde: Wer sie sind und wie skrupellos sie vorgehen, hat Christian Stöcker eindrücklich beschrieben1. Aber wie lange noch wollen diese Fossil-Lobbyisten die Feinde ihrer eigenen Kinder sein? Gibt es kein Mittel, sie auf den Pfad der Dekarbonisierung zu bringen?
Wie es gehen könnte, hat Katharine Hayhoe in ihrem Buch „Saving Us“2 geschildert:
Lassen sich Fossil-Manager überzeugen?
Die kanadisch-texanische Klimawissenschaftlerin hatte eine Einladung von Führungskräften eines Öl- und Gas-Konzerns erhalten. Erst wollte sie ablehnen: Zu weit lagen ihre Überzeugungen auseinander. Und tatsächlich begann das Treffen in eisiger Atmosphäre. Doch dann tat Hayhoe etwas, womit die Herren nicht gerechnet hatten: Sie pries die Segnungen der fossilen Ära in höchsten Tönen.
Ohne fossile Energien, so Hayhoe, wäre unser Leben um Jahrzehnte kürzer und um vieles beschwerlicher. Wir wären den lieben langen Tag damit beschäftigt, das Essen für unsere nächste Mahlzeit zusammenzubekommen. Wir hätten keine Kühlschränke, es gäbe weder Autos noch Züge, wir müssten unsere Wäsche mühsam von Hand waschen und hätten nach Sonnenuntergang nicht einmal Licht zum Lesen.
Die Gesichter der Manager entspannten sich: „Sie haben es verstanden“, lobte einer, „die Menschen brauchen Energie, und wir stellen sie ihnen zur Verfügung. Wir sind nicht die Bösen!“
Erst jetzt, wo die Fossil-Magnaten verstanden hatten, dass Hayhoe sie für gutwillige Menschen hielt und nicht an den Pranger stellen wollte, waren sie bereit, von ihr etwas Neues anzunehmen: Hayhoe konnte zu ihrem eigentlichen Anliegen überleiten.
„Energie brauchen wir auch in Zukunft“, fuhr sie fort, „das aber können nicht mehr die fossilen Energien sein. Dafür haben sie zu gravierende und gefährliche Nebenwirkungen. Deshalb ist der Übergang zu anderen Energieformen so wichtig. Wie bekommen wir den hin?“
Ursprünglich war das Meeting für 45 Minuten angesetzt, doch nach zwei Stunden diskutierte die Runde immer noch lebhaft. Die Herren fragten die Klimaforscherin aus: Woher wissen wir, dass es der Mensch ist, der das Klima ändert? Unser Haus-Geologe sieht das anders – was macht er falsch? Und welche Energiequellen können wir in Zukunft erschließen?
In den härtesten Fossil-Mangern den Wunsch zu wecken nach einer dekarbonisierten Zukunft: Wie hat Hayhoe das geschafft?
Den dritten Schritt nicht vor dem ersten gehen
Jedes Gespräch über Klimaschutz, sagt die Expertin, seien „drei Gespräche in einem: eines über Fakten, eines über Gefühle und eines über Identität“3. Es komme deshalb zuerst darauf an, sich mit dem Menschen, den wir überzeugen wollen, emotional zu verbinden. Als nächstes müssen wir ein Anliegen finden, mit dem wir uns beide identifizieren – in diesem Fall unser gemeinsames Interesse an Wohlstand und Entwicklung. Erst dann ist der Boden bereitet für unsere Klima-Botschaft, die wir nun anhand unseres gemeinsamen Anliegens entfalten können.
Was Hayhoe im Gespräch mit den Fossil-Managern gelungen scheint, hielt man in der Sozialpsychologie lange für praktisch unmöglich: tiefsitzende Überzeugungen im Gespräch zu ändern. Bis man auf eine Gruppe von Aktivistinnen und Aktivisten in den USA stieß, die genau das erfolgreich tat4.
Diese Gruppe – die kalifornische „Leadership LAB“ – hat es geschafft, in Haustür-Gesprächen viele konservative Menschen von progressiven Positionen zu überzeugen. Wer sich anschaut, wie sie vorgehen, bekommt einen Eindruck davon, was in den üblichen politischen Streitgesprächen schief läuft.
Verbinden statt polarisieren
Ausgangspunkt ihrer Kommunikation ist die Erkenntnis: Sobald wir Menschen uns angegriffen fühlen, verschließen wir uns und gehen in Verteidigungshaltung. Deshalb machen Gespräche über politische Positionen nur Sinn in einer Atmosphäre von grundsätzlichem Wohlwollen. Egal, was die angesprochene Person sagt: Sie soll sich immer sicher fühlen.
Eine LAB-Aktivistin unterlässt es auch, ihren Gesprächspartner mit einer politischen Forderung zu konfrontieren, die er nicht teilt. Stattdessen bittet sie ihn zunächst um seine Meinung zu ihrem Thema und bekundet aufrichtiges Interesse daran, diese Meinung zu verstehen.
Viele Menschen sehnen sich danach, dass ihnen endlich jemand zuhört und sich aufrichtig für ihre Ansichten interessiert. Wenn sie so eine Person treffen, öffnen sie sich.
Eine LAB-Aktivistin ist so eine Person. Sie hört aufmerksam zu in einer Atmosphäre, in der Meinungsänderungen keine Niederlagen sind. Freundlich zugewandt, streut sie Fragen ein, die ihren Gesprächspartner dazu anregen, darüber nachzudenken, wie er zu seiner Überzeugung gekommen ist. So relativiert er – er selbst, nicht die Aktivistin! – seine Überzeugung und stellt Überlegungen an, die ihn dazu führen können, seine Überzeugung zu ändern.
Man kann Menschen eben doch dazu bewegen, ihre Meinung zu hinterfragen oder gar zu ändern. Allerdings nicht über die üblichen Streitgespräche, sondern nur über wohlwollende Dialoge auf Augenhöhe, in gegenseitigem Respekt und in positiver Atmosphäre.
Und das ist auch gut so, denn es hat einen positiven Nebeneffekt: Wir haben die Chance, unsere Meinungsbildungsprozesse so zu gestalten, dass wir verbinden statt zu polarisieren.
Keine Erfolgsgarantie
Nun mag man fragen: Was nützt das alles? In den USA reden Katharine Hayhoe und viele andere schon lange mit Engelszungen, setzen auf Wohlwollen statt auf Konfrontation – und doch konnten sie Trump 2.0 nicht verhindern.
In der Tat. Wie sehr wir uns auch mühen – eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Schließlich sind alle Erkenntnisse der Sozialpsychologie auch denen zugänglich, die Klimaschutz verhindern wollen. Und die verstehen ihr Handwerk. Sie investieren Unsummen in professionelle Kommunikation, ziehen psychologisch alle Register und bespielen sämtliche Kommunikationskanäle. In den sozialen Medien haben sie die Nase vorn. Die rasend schnell sich entwickelnde Künstliche Intelligenz könnte ihre Macht weiter befestigen5.
Sind die fossilen Besitzstandswahrer also doch stärker? Werden sie am Ende unseren Planeten zugrunde richten?
Das wissen wir noch nicht. Es gibt hier keinen Automatismus. Stand heute sind wir nicht am Ende, sondern stecken mitten in der Auseinandersetzung zwischen Ermöglichern und Verhinderern des notwendigen Klimaschutzes. Der Ausgang ist offen.
Wendungen, mit denen niemand rechnet
Vergessen wir nicht: Auch der härteste Gegner kann sich wandeln. Warum sollte nicht sogar ein Donald Trump sich ändern können? So wie ein anderer US-Präsident, George W. Bush: Der unterschrieb noch 2004 ein Amendement gegen die Ehe für alle – neun Jahre später war er bei der Hochzeit zweier Frauen Trauzeuge6. Und wer hätte einem sowjetischen Präsidenten aus der Kaderschmiede des KGB zugetraut, dass er eines Tages die Herrschaft der KP beenden würde? Dennoch hat Michail Gorbatschow genau das getan.
Wir Menschen sind frei: Wir können uns von jetzt auf gleich für Klimaschutz entscheiden. Dann kann es viel schneller vorangehen, als wir heute für möglich halten.
Leider wissen wir aber nicht, ob es eines Tages vorangehen wird mit der Dekarbonisierung der Weltwirtschaft und wann. Deshalb müssen wir lernen, in anderen Zeithorizonten zu denken.
Wir haben keine Zeit mehr – und müssen sie uns dennoch nehmen
So dringend notwendig ein kurzer Zeithorizont auch wäre: Da wir nun einmal den nötigen politischen Willen nicht erzwingen können, bleibt uns nichts anderes übrig, als uns auf einen längeren Zeithorizont einzustellen.
Die Klimaaktivistinnen der Letzten Generation (heute: Neue Generation) wollten mit disruptiven Aktionen den Sprint in die dekarbonisierte Zukunft erzwingen. Das ist gescheitert.
Auch wenn wir eigentlich keine Zeit mehr haben: Da wir rasche Veränderungen nun einmal nicht erzwingen können, bleibt uns nichts anderes übrig, als den quälend langen Weg der mühsamen Überzeugungsarbeit zu gehen.
Die Einführung des Frauenwahlrechts, das Ende des Ehren-Duells, die Überwindung des institutionalisierten Rassismus7: All diese und viele andere gesellschaftliche Veränderungen haben quälend lange gedauert. Aber die Geschichte des sozialen Wandels zeigt: Auch für unüberwindbar gehaltene Ideen können abgelöst werden durch bessere. Und die dekarbonisierte Kreislaufwirtschaft ist die bessere Idee als die fossil befeuerte Selbstzerstörung.
Es wird nie zu spät sein, noch Schlimmeres zu verhindern
Wir werden erleben müssen, dass es für vieles zu spät sein wird. Das ist es ja jetzt schon. Aber zu spät, um noch Schlimmeres zu verhindern, wird es niemals sein. Das sagt Michael Mann, der Klimaforscher, der sich mit seiner berühmten Hockeyschläger-Kurve im Lager der Klimawandelleugner viel Feindschaft zugezogen hat. In „Our Fragile Moment“ schreibt er8: „Klimawandel ist keine Klippe, von der wir abstürzen, sobald wir bestimmte Grenzen der Erderwärmung erreicht haben.“
Die Hoffnung fahren zu lassen, weil es mit der Dekarbonisierung nicht schnell genug geht: Dafür bietet uns weder die Klimaforschung einen Grund noch die Sozialpsychologie.
Überzeugungsarbeit mag zäh sein und lange dauern. Aber sie für unmöglich zu erklären, nur weil man bisher damit gescheitert ist: Das ist – so McGurney – wie wenn man wegen eines gescheiterten Versuchs, den Mond auf einer Gartenleiter zu erklimmen, die Mondlandung für unmöglich erklären würde.
Klima-Kommunikation klappt nicht einfach so. Sie ist ein Handwerk. Ein Handwerk lernt man nicht von heute auf morgen. Profis wie David McGurney und Katharine Hayhoe können zeigen, wie es geht. Auch bei GermanZero lässt sich Klima-Kommunikation lernen und einüben.
Danke allen, die mitmachen.
Fußnoten
- Christian Stöcker (2024): Männer, die die Welt verbrennen. Der entscheidende Kampf um die Zukunft der Menschheit. Das Buch ist voraussichtlich bald sehr günstig in einer Sonderausgabe bei der Bundeszentrale für Politische Bildung erhältlich (www.bpb.de). – https://www.iea.org/reports/fossil-fuels-consumption-subsidies-2022 ↩︎
- In dem Kapitel Kapitel „We’re not the Bad Guys“. ↩︎
- „Think of every conversation as being three conversations at once: about facts, feelings and identity“ (Katharine Hayhoe (2022): Saving Us. A Climate Scientist’s Case for Hope and Healing in a Divided World). Siehe auch https://www.science.org/doi/10.1126/science.aau2565 und https://www.katharinehayhoe.com/faqs/ > How can I have a positive, constructive conversation about climate change? ↩︎
- David McRaney (2023): How Minds Change ↩︎
- Yuval Harari (2024): Nexus. Eine kurze Geschichte der Informationsnetzwerke von der Steinzeit bis zur künstlichen Intelligenz ↩︎
- How Minds Change (s. o.), Kapitel “Social Change” ↩︎
- Diese und viele weitere Beispiele führt McGurney aus in “How Minds Change”, Kapitel “Social Change”. ↩︎
- „Climate change isn’t a cliff that we go off at certain thresholds of planetary warming … .“ (Michael E. Mann (11/2023): Our Fragile Moment. How lessons from the Earth’s past can help us survive the climate crisis. Übersetzung von mir.) ↩︎