Die moderne Medizin hat uns viel Segen gebracht, aber auch Schrecknisse, die es zuvor nicht gab. Angesichts ihrer rasend schnellen Fortschritte stellt sie uns vor immer neue Dilemmata. Medizinethikerin Alena Buyx hat dazu ein hilfreiches Sachbuch veröffentlicht.
Welche medizinischen Techniken gibt es? Mit welchen ist in naher Zukunft zu rechnen? Vor welche Entscheidungen könnten sie uns früher oder später stellen?
Darum geht es in dem aktuellen Buch von Alena Buyx, Professorin für Ethik der Medizin und Gesundheitstechnologien an der Technischen Universität München und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrats:
- Alena Buyx (26. März 2025): Leben & Sterben. Die großen Fragen ethisch entscheiden. S. Fischer Verlag Frankfurt
Buyx bietet einen Überblick über ethische Fragen angesichts der modernen Medizin, vom Anfang des Lebens bis zu seinem Ende, allgemeinverständlich erklärt und veranschaulicht anhand vieler Fallbeispiele.
Ethische Fragen am Beginn des Lebens
Da ist beispielsweise die Frau, die die BRCA1-Genmutation geerbt hat, die mit einem sehr hohen Risiko einhergeht, an Brustkrebs zu erkranken. Dieses Gen möchte sie nicht weitervererben. Deshalb möchte sie mehrere ihrer künstlich befruchteten Eizellen vor der Implantation untersuchen lassen, um sich dann nur eine Eizelle einpflanzen zu lassen, die den Gen-Defekt nicht hat. Die anderen würden vernichtet werden. Soll ihr das erlaubt sein? Oder muss der Gesetzgeber einer solchen Selektion einen Riegel vorschieben, weil er sonst dem Weg zum „Designerbaby“ Tür und Tor öffnen würde?
In einem anderen Fall wollen Eltern die lebenserhaltende Behandlung ihres Frühgeborenen beenden lassen, weil es nach mehreren Hirnblutungen und wiederholten Reanimationen mit hoher Wahrscheinlichkeit schwerste Behinderungen davontragen wird. Sollen die behandelnden Ärzte das zulassen dürfen?
Einem bereits geborenen Baby die lebenserhaltenden Maßnahmen zu verweigern, wie von diesen Eltern gefordert – das wird wohl kaum jemand befürworten. Aber wann eigentlich beginnt das Recht auf Leben? Mit der Befruchtung, mit der Einnistung in der Gebärmutter, mit der Fähigkeit, Leid zu empfinden, ab einem bestimmten Monat der Schwangerschaft oder mit der Geburt?
Befruchtete Eizellen vor der Implantation nach dem Kriterium der BRCA1-Mutation zu selektieren, ist in Deutschland verboten. Die Mutter hat jedoch die Möglichkeit, den Embryo nach der Implantation genetisch untersuchen und gegebenenfalls abtreiben zu lassen.
Verboten ist also das Verfahren, bei dem die Entscheidung über Leben und Tod in einem sehr frühen Zellstadium fällt. In diesem Stadium sterben auch bei der natürlichen Fortpflanzung viele Embryonen, weil sie sich nicht in der Gebärmutter einnisten können. Erlaubt ist dagegen das riskantere und belastendere Verfahren der pränatalen Diagnostik, die frühestens ab der zehnten Schwangerschaftswoche möglich ist, und die folgende Abtreibung.
Wie würden Sie entscheiden? Diese Frage stellt Buyx angesichts derartiger Dilemmata immer wieder, ohne die Lösung vorzugeben.
Raum schaffen für freie Entscheidungen
Andere ethische Fragen beziehen sich auf die Organtransplantation. Bei der „Lebendspende“ spendet eine lebende Person einer anderen ein Organ. Wann soll das erlaubt sein, wann nicht? Wenn sich herausstellt, dass beispielsweise die Schwester einer nierenkranken Frau ihre Niere nicht aus freiem Willen anbietet, sondern unter dem Druck ihrer Familie: Dann müssen die Ärzte die Spende ablehnen. Aber wie können sie die Schwester, die nicht spenden will, vor dem Groll ihrer Familie schützen? Sollen sie medizinische Gründe für die Ablehnung der Spenderin vortäuschen, um ihre Beziehung zur Familie nicht zu belasten?
Diskutiert wird auch die Prostatakrebs-Frühdiagnose: Dass der Krebs streuen wird, ist meist eher unwahrscheinlich – viele Männer sterben mit, aber nicht an Prostatakrebs. Ausschließen lässt sich eine tödliche Entwicklung jedoch nur durch eine Operation. Diese geht aber einher mit einem hohen Risiko von bleibender Inkontinenz und Erektionsschwäche. Was also tun?
Solche Fragen den Fachleuten zu überlassen: Dazu raten heute auch diese Fachleute selbst nicht mehr. Zwar gibt es nach wie vor Menschen, die alle Entscheidungen den Ärzten überlassen wollen. Dann ist auch das zu respektieren. Aber am Ende ist es die Patientin oder der Patient selbst, der mit seiner Unterschrift die Verantwortung übernimmt – sofern er noch dazu in der Lage ist.
Am Lebensende
Wer etwa nach einem Unfall im Sterben liegt, seinen Willen nicht mehr ausdrücken kann und weder eine auffindbare Patientenverfügung hat noch andere Anhaltspunkte für seinen Willen gegeben hat: Dessen oder deren Leiden wird wahrscheinlich auch in aussichtsloser Lage intensivmedizinisch verlängert. Und das kann bedeuten: Sie wird künstlich ernährt, über einen Schlauch, der sie am Schlucken hindert; von einem Beatmungsgerät wird ihr künstlich ein fremder Atemrhythmus aufgezwungen; stellt sich der erlösende Tod endlich ein, wird er abgewiesen, die Patientin wiederbelebt, auch mit Elektroschocks, wobei Rippenbrüche nicht selten sind; Angst, Schmerzen und Atemnot werden nicht oder ungenügend behandelt, sei es weil sie nicht bemerkt werden oder weil es an Pflegepersonal fehlt; es erwartet sie ein möglicherweise langer, schwerer Todeskampf ohne die tröstende Gegenwart eines lieben Menschen.
Hat dagegen ein sterbenskranker Mensch rechtzeitig vorgesorgt, und hat er Angehörige, die seinen Willen im Krankenhaus vertreten: Dann bleiben ihm, sofern er dies so wollte, in der letzten Lebensphase qualvolle intensivmedizinische Maßnahmen erspart. Dann geht es nur noch darum, körperliche und seelische Qualen zu lindern, Abschied zu ermöglichen und die letzten Tage so angenehm wie nur möglich zu gestalten. Dafür kann die Palliativmedizin heute sehr viel tun.
Lange war von der Palliativmedizin im Medizinstudium fast keine Rede. Das, so Buyx, hat sich geändert. Wenn heute noch Menschen am Lebensende nicht die Linderung erfahren, die medizinisch möglich wäre: Dann liegt das meist weniger an der fehlenden Bereitschaft der Mediziner, den unvermeidlichen Tod zu akzeptieren, als an der fehlenden Patientenverfügung – und am Personalmangel. Umso wichtiger ist es, sich rechtzeitig darüber zu informieren, was heute im Positiven wie im Negativen möglich ist, und Vorsorge zu treffen.
Was das Buch bietet – und was nicht
Einen vollständigen Überblick über die Medizinethik kann Buyx nicht bieten, dafür ist das Thema zu umfangreich. Aber sie gibt die Denkanstöße, die es heute braucht. Wir erhalten einen Eindruck davon, was heute technisch möglich und was von der Künstliche Intelligenz zu erwarten ist. Buyx lässt uns an den medizinethischen Debatten teilhaben, informiert über die Rechtslage und gibt Ratschläge zur Vorsorge. Wer mehr wissen will, findet Anregungen in ihrem ausführlichen Literaturverzeichnis.
Was ich vermisst habe, waren medizinethische Überlegungen zu LGBTQI+: Wann können Pubertätsblocker, hormonelle und chirurgische Eingriffe hilfreich sein? Welche Risiken und Nebenwirkungen gehen damit einher? Wie viele Transitionierer bereuen ihre Entscheidung im Nachhinein, welche Schäden tragen sie davon? Wie sollen wir umgehen mit dem Konflikt zwischen Trans-Frauen, die in die Schutzräume von Frauen zugelassen werden möchten, und denjenigen Frauen, die einen Menschen mit Bart und Penis auch dann nicht in ihrer Umkleide sehen möchten, wenn er sich als Frau liest? Zu gern hätte ich zu diesen polarisierenden Themen Buyx’ unaufgeregte, besonnen abwägende Stimme gehört.
Was Vorsorgedokumente leisten können – und was nicht
Mich hat Buyx motiviert, mich erneut mit den Vorsorgedokumenten für den Sterbefall zu beschäftigen (sie empfiehlt dazu u. a. die Website der Stiftung Gesundheitswissen). Beispielsweise möchte ich nicht an meinem Lebensende von einer Maschine einen fremden Atemrhythmus aufgezwungen bekommen (mechanisch beatmet wurden 2024 in Deutschland fast 11 % der Sterbenden).
Was mich jedoch angesichts des Todes noch mehr beschäftigt, sind seelsorgerische Fragen: Wie werde ich auf mein Leben zurückblicken, wenn mir keine Zeit mehr bleiben wird, Fehler zu korrigieren, Schuld zu sühnen und eine neue Richtung einzuschlagen? Was erwartet mich, wenn ich in einer Nahtoderfahrung durchleben werde, was ich anderen Menschen an Freude bereitet, aber auch an Leid zugefügt habe? Und wie werde ich damit vor Gott treten?
Aber das ist eine andere Geschichte.