
“Liebet eure Feinde”, hat Jesus seinen Jüngern auferlegt. Das tun die Israelis offensichtlich nicht. Ist es also unchristlich, Israel im Krieg solidarisch beizustehen?
Feindesliebe?
“Liebet eure Feinde”: Indem Jesus das sagte, erkannte er an, dass es Feinde gibt. Diese Realität zu verdrängen, können wir uns in Deutschland leisten – noch. Die Israelis können es nicht.
Was ist das: ein Feind?
Feind: Das ist nicht der Kollege, der dich nicht leiden kann. Das ist nicht der Busfahrer, der dich an der Haltestelle geflissentlich übersieht, weil er es eilig hat. Das ist auch nicht die Bedienung im Restaurant, die fünfmal an dir vorbeischlurft, ohne deine Bestellung aufzunehmen.
Feind: Das ist der Terrorist, der dein Kind bei lebendigem Leib verbrennt. Das –
“Hör auf, hör auf, ja ja, ich weiß schon, die Hamas. Da bin ich dagegen.” So oder ähnlich werde ich da gern unterbrochen. Aber wenn ich erklären soll, warum ich als Christ solidarisch mit Israel bin: Dann muss ich den Grund nennen.
Feind: Das ist der Terrorist, der eine junge Festival-Besucherin so brutal vergewaltigt, dass ihr die Knochen brechen. Der Eltern vor ihren Kindern und Kinder vor ihren Eltern langsam und grausam zu Tode foltert. Der all das auch noch filmt, triumphierend an ihre nächsten Angehörigen schickt und sich an ihrem Entsetzen weidet. Der im Massaker Zeit findet für einen Anruf bei seinen Eltern, um damit zu prahlen, wie viele Juden er heute schon ermordet hat. Der Geiseln entführt, quält, sexuell missbraucht und hungern lässt, bis sie aussehen wie die Elendsgestalten von Auschwitz. Und der sich geschworen hat, all das wieder und wieder zu tun.
Das ist ein Feind. Wer den nicht hasst: Der liebt niemanden.
Es mag ja christlich sein, den Hass sogar gegen einen derart entsetzlichen Feind irgendwann zu überwinden, ihn nach langen, schmerzhaften seelischen Prozessen gar zu lieben. Aber vorher muss ich einen solchen Feind hassen. Sonst bin ich kein Mensch. Schon gar nicht ein besonders mitmenschlicher oder gar heiliger.
Was aber jedem Menschen, ob Christ oder nicht, auf den Nägeln brennen sollte: Ein solcher Terrorist darf nie, nie, nie mehr die unfassbar grausamen Verbrechen begehen können, zu denen er weiterhin entschlossen ist.
Die andere Wange hinhalten?
Womit wir bei dem nächsten Gebot Christi wären: “Wenn dir einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die linke hin.”
Das hat Jesus gesagt als Wanderprediger ohne politische Verantwortung, zu einer Zeit, in der die Juden politisch machtlos waren und Aufbegehren gegen die römische Staatsgewalt aussichtslos gewesen wäre. Wer glaubt im Ernst, dass Jesus damit dem Ministerpräsident von Israel sagen wollte: “Wenn eine grausame Mörderhorde dein Land überfällt, 1200 deiner Staatsbürger bestialisch ermordet und 200 entführt: Dann biete ihr gleich nochmal 1400 Staatsbürger für das nächste Massaker und die nächste Entführung an, oder noch besser: Überlass ihr doch gleich das ganze Land. Widerstandslos, versteht sich. Schließlich soll man ja dem Bösen nicht wehren.”
Das soll der Geist Jesu sein?
Christliches Erbe? Welches Erbe?
Nun könnte die Behauptung, Israelsolidarität sei unchristlich, auch ganz anders gemeint sein: Ist es nicht unpassend, wenn wir Christen solidarisch sind mit den Juden, nachdem unsere Vorfahren es bald 2000 Jahre lang nicht waren? Die haben die Juden gehasst, Pogrome veranstaltet, Juden zur Konversion gezwungen, sie vertrieben und massakriert. Ob das wohl die Tradition ist, an die ich als braver Christenmensch anknüpfen soll?
Natürlich nicht. Wer würde das nicht weit von sich weisen. Und doch: Wenn ich das Nazi-Gebrüll auf den “Free-Palestine”-Demos höre: Dann bin ich mir da nicht mehr so sicher.
Immerhin wird von mir erwartet, dass ich den ersten und einzigen Staat ablehne, in dem die Juden sich verteidigen können gegen ihre bestialischen Feinde. Zumindest aber soll ich meine Solidarität mit Israel davon abhängig machen, ob es seinen Verteidigungskrieg so führt, dass zivile Opfer ausgeschlossen sind.
Leider ist das unmöglich in einem Krieg gegen Terroristen, die Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbrauchen. Die alles darauf anlegen, möglichst viel ziviles Leid zu produzieren, um es Israel vorwerfen zu können.
Israel will kein einziges palästinensisches Kind töten, seine Feinde dagegen alle jüdischen. Wer will beurteilen, was nötig ist, um sie daran zu hindern?
Einen Feind, der mein Volk ausrotten will, gewähren zu lassen, mag mit dem Buchstaben der Bergpredigt vereinbar sein. Aber es wäre unmenschlich – und würde damit den Kern der christlichen Botschaft verfehlen.
Stecke dein Schwert in die Scheide?
“Wer zum Schwert greift, soll durch das Schwert umkommen”, mahnte Jesus den Apostel Petrus im Garten Gethsemane.
Gehorsam steckte Petrus das Schwert in die Scheide. Und kam am Ende tatsächlich nicht durch das Schwert um. Sondern am Kreuz. Für den Stellvertreter des gekreuzigten Christus mag das in Ordnung sein. Aber Politiker sollten für die ihnen anvertraute Bevölkerung ein anderes Resultat anstreben.
Wer sich entscheiden will, seine Lieben schutzlos der Grausamkeit ihrer Feinde zu überlassen, der mag das tun. Aber dass das die einzige Wahl ist, die einem Christen bleibt; dass er diese Wahl gar von bedrohten Menschen anderen Glaubens verlangen muss: Davon wird mich niemand überzeugen.